Lars Thomsen ist Trend- und Zukunftsforscher. Er vergleicht in seinen Vorträgen gern Elektromobilität mit Mais in der Pfanne, der bald aufpoppt. Seine Vision: Autofahren ohne Stress.
Lars Thomsen (46) ist Trend- und Zukunftsforscher und gilt als Experte für den Verkehr der Zukunft. Sein Unternehmen future matters AG mit Sitz in Zürich berät Firmen und Institutionen bei der Entwicklung von Zukunftsstrategien.

Herr Thomsen, wie kommen unsere Kinder oder Enkel in zehn Jahren von einer Party nach Hause?
Sie werden sicher kaum noch anrufen, um sich abholen zu lassen. Und auch kein normales Taxi rufen. Höchstwahrscheinlich werden sie einen autonomen Fahrdienst in Anspruch nehmen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wie ein Taxi, bloß ohne Fahrer, denn es fährt selbstständig. Über eine App gibt man ein, dass man nach Hause möchte. Das Fahrzeug kommt vorgefahren und weiß bereits, wohin man möchte.

Klingt noch ziemlich nach Zukunftsmusik.
Noch vor einigen Jahren war es undenkbar, dass ein Auto so viel Rechenleistung zur Verfügung haben könnte. Heute gibt es bereits kamerabasierte Notbremssysteme, die reagieren, bevor der Fahrer überhaupt das Bremspedal erreichen kann.

Auf Elektroautos müssen wir noch länger warten, wenn man der Automobilbranche glaubt, oder?
Das ist eine Preisfrage – in doppeltem Sinne. Was passiert, wenn Elektromobilität tatsächlich zur günstigeren Alternative wird? Etwa, weil Akkus und Antriebe billiger werden als ein Verbrennungsmotor?
Dieser Punkt, an dem es kippt, wird kommen.

Wann rechnen Sie damit?
Im öffentlichen Nahverkehr geht es jetzt schon los. Städte wie London, Amsterdam, Stockholm oder Hamburg schaffen ab 2016 neue Busse mit Elektroantrieb an. Nicht allein, weil sie besonders grün sein wollen. Sondern auch, weil es langfristig billiger ist. Lieferdienste und Privatkunden werden schneller folgen, als viele glauben.

Werden wir uns in Zukunft überhaupt noch eigene Autos kaufen?
Schon heute kann man beobachten, dass sich viele junge Menschen in Großstädten kein Auto mehr zulegen, obwohl sie es könnten. Aber es wird auch künftig noch das eigene Fahrzeug geben. Ich glaube, jeder wird sich aus unterschiedlichen Mobilitätskonzepten das Passende aussuchen können.

Folgendes Szenario: Es ist 2035, ein Freitag, irgendwo in einem Ballungsraum, und es ist Rushhour.
Wie
sieht es auf der Autobahn aus?
Die Autobahn wird es noch geben. Aber wir werden sie anders nutzen. Ich schätze, dass es eine reservierte Spur für autonome Fahrzeuge geben wird. Und eine für „Selbstfahrer“. Auf der Spur der autonomen Fahrzeuge fließt der Verkehr fast immer, auf der anderen nicht unbedingt. Insgesamt wird der Verkehr aber stressfreier sein als heute. Der Infarkt bleibt aus. Stattdessen werden wir unseren Kindern erzählen, wie man früher auf dem Weg in die Ferien im Stau gestanden hat. Und die Kinder werden sagen: „Echt?“